LGR Reutlingen – 01 Juni 2026 | Die vorinstallierte Smart-Feed-App auf Motorola-Geräten hat beim Start der Amazon Shopping-App heimlich Affiliate-Codes über monetarisierte Weiterleitungsketten eingeschleust, und das ohne Wissen oder Zustimmung der Nutzer. Nach zunehmendem öffentlichem Druck hat Motorola diese Funktionalität mittlerweile deaktiviert.
Der Vorfall kam ans Licht, als ein Nutzer des Motorola Razr 60 Ultra auf Reddit aufmerksam machte, dass beim Öffnen der Amazon-App über den App-Drawer sich kurzzeitig ein Browserfenster öffnete, das eine unbekannte URL aufrief, bevor die Kontrolle wieder an die Amazon-App zurückgegeben wurde. Dieses merkwürdige Verhalten ließ sich auf mehreren Geräten, darunter verschiedene Modelle der Razr- und Edge-Serie, reproduzieren.
Eine entscheidende Feststellung war, dass die Umleitung nur beim Start über den App-Drawer oder die Smart Feed-App auftrat. Nutzer, die die Amazon-App über eine Verknüpfung auf ihrem Startbildschirm öffneten, blieben von dieser Umleitung unberührt, was es leicht machte, die Unregelmäßigkeit im Alltag zu übersehen. Ein betroffener Nutzer bemerkte: „Hätte ich die Option ‚Links standardmäßig in der App öffnen‘ nicht deaktiviert, hätte ich gar nicht bemerkt, dass etwas nicht stimmt.“
Technische Hintergründe des Vorfalls
Der technische Ablauf der Umleitung lässt sich in einigen Schritten zusammenfassen:
- Der Nutzer tippt im App-Drawer auf die Amazon-App.
- Die Smart Feed-App fängt den Start-Intent ab.
- Die App fragt den Server „devicenative.com“ ab, offenbar um Ziel-Apps und Affiliate-Codes zu konfigurieren.
- Ein Browserfenster öffnet sich kurzzeitig und ruft eine Weiterleitungs-URL auf.
- Die URL enthält den Affiliate-Code eines Mode-Influencers.
- Die Kontrolle wird wieder an die Amazon-App zurückgegeben.
Besonders aufschlussreich ist, dass der eingefügte Affiliate-Code nicht mit den Codes übereinstimmt, die der Mode-Influencer in seinen eigenen öffentlichen Links verwendet. Dies deutet darauf hin, dass ein Dritter eingerichtet war, um Provisionen für Einkäufe von Motorola-Nutzern zu erhalten, ohne dass eine direkte Beziehung zur jeweiligen Transaktion oder zum Gerätebesitzer bestand.
Ein strukturelles Problem der Bloatware
Dieser Vorfall wirft ein Licht auf ein grundsätzliches Problem bei vorinstallierten System-Apps. Die Smart Feed-App wird auf vielen Motorola-Geräten als versteckte Komponente bereitgestellt, die weder einfach einzusehen noch zu deinstallieren ist. Dies führt dazu, dass Nutzer:
- keinen transparenten Einblick in die Funktionen der App haben,
- keine wirksame Möglichkeit haben, das Verhalten selbst zu beeinflussen,
- nicht informiert werden, dass App-Starts kommerziell ausgewertet werden.
Erst die öffentliche Aufmerksamkeit führte dazu, dass Motorola die fragliche Funktionalität deaktivierte. Die Dauer, für die dieses Verhalten aktiv war, sowie die genaue Anzahl betroffener Nutzer sind bisher unbekannt.
Die Debatte über Bloatware, Systemrechte und die Nutzung geräteinterner Werbung wird aufgrund dieses Vorfalls voraussichtlich weiter anhalten. Die Tatsache, dass solche Apps unbemerkt in die Nutzererfahrung eingreifen können, wirft Fragen zur Integrität und Transparenz auf, insbesondere bei Geräten mit einem Preis von rund 1.300 Euro.
Motorola hat sich bislang nicht öffentlich zu den Hintergründen oder dem Umfang dieser Vorfälle geäußert. Die Nutzererwartungen an Transparenz und ethisches Verhalten steigen, und Unternehmen, die diese Standards nicht erfüllen, riskieren, das Vertrauen ihrer Kunden zu verlieren.
